Vom Pferd erzählen, Teil 5

Mit vereinten Kräften gelang es ihnen, das Geröll und die Felsbrocken 
so weit an die Seite zu schieben, dass die Kuh aus ihrem Gefängnis 
heraussteigen konnte. Sobald sie ihre Bewegungsfreiheit wieder erlangt 
hatte, ließ sie ihren Schwanz kreiseln und rannte weiter bergauf.
"Macht sssnell! Macht sssnell!" rief sie ihnen zu.
"Sssonsss kommen sssiii!"
Dorano und Matthi hatten keine Mühe, mit der Kuh Schritt zu halten,
obwohl Kühe schneller sind, als man gemeinhin denkt. Sie galoppierte
weiter den mit Bäumen bestandenen Berg hinauf, bis sie zu einem freien Platz
kam, wo zwei andere Kühe an einem Lagerfeuer saßen.
"Dora, da bist du ja!" rief Alma, eine der beiden Kühe.
"Wo warst du denn? Wir haben uns Sorgen gemacht!"
fügte Hulda, die andere, hinzu.
"Und wer sind die beiden Typen, die du da angeschleppt hast!"
riefen beide wie aus einem Mund.
Dora berichtete den beiden, wie sie vom Geröll verschüttet und 
danach von Matthi und Dorano befreit wurde.
"Wieso lebt ihr hier mitten im Wald?" wollte Matthi wissen.
"Wir lebten früher in einer Kuh-Muh-Ne!" klärte Alma ihn auf.
"Aber die Tierfresser haben uns immer wieder überfallen und
unsere Freunde gefangen, gekocht und gebraten!"
"Tierfresser sssind sssrecklich!" klagte Dora.
"Unn sssiii ssstinken nach Pluht!" erklärte sie.
Die Äste im Feuer knackten und manchmal flogen Funken auf.
Das Feuer warf ihre Schatten auf die schmalen Bäume, die
hinter ihnen auf den Felsen ein kärgliches Dasein fristeten.
Die Schattenohren von Matthi und Dorano tanzten ebenso auf
den Baumstämmen wie die Hörner der drei Kühe.
Dora, Hulda und Alma waren wie Dorano von Bauernhöfen geflohen.
Als sie in den Bergen auf andere Kühe trafen, hatten sie eine Gemeinschaft
gebildet, die nun feststellen musste, dass es weitaus Schlimmeres
gab als grausame Menschen.
"Noch grausamere Menschen!" sagte Alma, die wegen der Flecken auf
ihrem Gesicht aussah, als würde sie eine Brille tragen.
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