Vom Pferd erzählen, Teil 1

Pferd hatte keine Träume mehr. Gar keine.
Es stand still im Stall und kaute auf dem trockenem Heu herum. 
Manchmal lag eine verirrte Blüte zwischen den Halmen.
Sie zauberte einen anderen Geschmack auf die Zunge von Pferd. 
Dann tropfte etwas Speichel aus seinem Maul und die Nüstern von
Pferd wurde weit. Es schloß die Augen.
Ein Zittern lief durch seine Flanken.
Pferd durfte den Stall nur verlassen, wenn es den Pflug ziehen 
musste oder vor schwere Karren gespannt wurde.
Wenn der Bauer das Pferd aus dem Stall hinaus über den Hof führte, 
zerrte der Hund des Bauern an seiner Kette und bellte wütend und laut.
Pferd wieherte, rollte mit den Augen und drängte ängstlich zur Seite. 
Aber der Bauer zog Pferd an dem Hund vorbei hinaus auf das Feld.
Nach der Arbeit und nachts stand Pferd alleine im Stall und spitzte 
die Ohren. Es konnte die Ohren in viele Richtungen drehen. Es hörte, 
wie die Vögel zwitscherten, wie der Regen fiel, hörte das Rauschen der
Blätter in den Bäumen, das Bellen des Hundes und eines Morgens ein 
lautes "I-A, I-A, I-A!".
In der Box nebenan, die bisher immer leer gewesen war, stand ein Esel.
"Wo kommst du denn her?" fragte Pferd den Esel.
"Woher soll ich schon kommen?" antwortete der Esel.
"Von draußen, aus der Welt!"
"Und? Ist sie schön, die Welt da draußen?" wollte Pferd wissen.
"Soll das heißen, dass du die Welt da draußen nicht kennst?" fragte der 
Esel spöttisch.
"Wie soll ich die Welt kennen, wenn ich immer arbeiten muss!" antwortete 
Pferd und schlug mit dem Schwanz gegen die Holzwand seiner Box.
Am Abend dieses Tages, als der Bauer Pferd in den Stall zurückbrachte, 
sagte Esel: "So blöd möchte ich auch mal sein! I-A! Den ganzen Tag 
arbeiten für ein paar trockene Halme!"
Pferd wackelte mit den Ohren und schlug mit einem Huf gegen die Wand aus Holz.
Am Abend des zweiten Tages, als Pferd schweißüberströmt in der Box stand, 
sprach der Esel: "So etwas würde ich mir nicht gefallen lassen! Ich wär' schon 
längst über alle Berge!"
"Ich kann hier nicht weg!" erklärte Pferd.
"Der Hund hat scharfe Zähne und lässt mich nicht aus den Augen!"
"Du kannst genau so gut beißen!" erwiderte der Esel. "Und harte Hufe hast du auch!"
Dabei schlug er mit seinen Hufen nach hinten aus, wodurch ein Riss in der hölzernen 
Wand der Box entstand.
Als Pferd am nächsten Abend über den Hof Richtung Stall trottete, überlegte es, 
welche Weisheiten der Esel heute wohl wieder zum Besten geben würde. Aber der 
Esel wurde gerade aus dem Stall zu einem Lastwagen geführt, auf dem 
"Schlachthof Lengendorf" stand.
Der Esel rief noch: "Und springen kannst du auch!".
Dann war er verschwunden.
"Seltsam, wie schnell man sich an die Nähe eines anderen Tieres gewöhnen kann!" 
dachte Pferd und wühlte mit dem Maul durch das Heu in seiner Krippe. Ein angenehmer
Geruch stieg in seine Nase. Ein Stück Apfel war zufällig in die Krippe gelangt.
Dieser irgendwie vertraute Geruch stupste etwas an in dem Gehirn von Pferd und ließ
Bilder an die Oberfläche des Bewusstseins steigen, an die es sich lange nicht erinnert hatte.
Pferd sah sich als Fohlen über blühende Wiesen springen und mit anderen Fohlen um 
die Wette galoppieren. Es trabte neben seiner Mutter am Waldrand entlang und wieherte 
aus Freude über die aufregenden Düfte und Geräusche, mit denen der Wald seine Neugier
weckte.
In dieser Nacht träumte Pferd von seiner Kindheit. Es dachte an die Sehnsüchte und
Wünsche, die es ins Leben hinein gelockt hatten. Deutlich und klar hatte es damals 
Bilder davon gesehen, wie die Zukunft aussehen würde. 
Und in dieser Zukunft hatte es diesen Stall und diese Box nicht gegeben.
Zornig schlug Pferd mit dem Schwanz und trat mit den Hufen gegen die Wände der Box. 
Sogar im Schlaf zuckte es noch mit den Beinen und drehte den Kopf unruhig hin und her.

 

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