Schreibmuskel 0001

Ich möchte meinen Schreibmuskel trainieren. Wie jede andere Fähigkeit, kann
ich auch die Kunst des Schreibens weiter entwickeln und verbessern, indem
ich sie täglich übe. Einfach drauflos zu schreiben finde ich manchmal sehr
befreiend. Aber auf Dauer kann es sehr unbefriedigend sein. Darum suche ich
mir Schreibaufgaben, mit denen ich meine Kunst verfeinern kann.
Die Aufgabe lautet: Nehme einen beliebigen Haushaltsgegenstand, „betrachte“ und
„beschreibe“ ihn. Mein Freund Michael hat mir neulich erklärt, dass Meditation
bedeutet:“Nach innen schauen.“ und Kontemplation:“Den Blick auf etwas richten,
das sich außerhalb befindet.“ Also Kontemplation – und zwar mit einer Tasse
aus meinem Schrank.
Es ist eine Espressotasse. Ich glaube, früher hat man Mokkatasse dazu gesagt.
Sie besteht aus einem Gefäß, in dem man Espresso serviert. Darum ist das Gefäß
oben offen, hat aber unten einen Boden, damit der Espresso nicht hinausläuft.
An der Seite befindet sich ein Henkel, das ist eine griffige Verzierung, an
der man die Tasse halten und zum Mund führen kann. Die Außenseite der Tasse ist
weiß und mit roten Punkten verziert. Wenn ich mit dem Kugelschreiber gegen die
Tasse schlage, höre ich einen angenehm hellen Ton, der noch eine Zeitlang
nachschwingt. Wenn ich gegen den Henkel schlage, entsteht ein kurzer, flacher
Ton.
Nun habe ich den ersten Teil meiner Schreibaufgabe erledigt.
So wie Fingerübungen oder Tonleitern am Klavier die Fähigkeit des Klavierspielens
steigern, kann ich mein Schreiben durch solche Übungen verbessern.
Die Tasse soll nun an einem anderen Ort auftauchen. Und was wäre ein geeigneterer
Ort für eine Tasse als ein Cafe. Also.
Am Fenster, das einen freien Blick auf die Straße gestattet, steht ein runder
Tisch aus Holz. Ich sehe ihn gleich, als ich das Cafe betrete und wähle ihn als
Arbeitsplatz. Die Vase aus weißem Porzellan mit den roten, schon leicht welkenden
Tulpen, schiebe ich an die Seite. Ein pflanzlicher Geruch steigt in meine Nase.
Ich hole mein Schreibheft aus der Aktentasche und lege es auf den Tisch, den
schwarzen Kugelschreiber daneben. Ich schreibe immer mit einem Stift in der Hand,
weil die Hände ein Teil des Gehirns sind und die Neurotransmitter ihre Ideen so durch
das Nervensystem in die Finger hinein und durch sie hindurch auf das Papier fließen
lassen können.
Der junge Mann, der hinter der Theke stand, kommt zu mir und fragt mich, was er mir
bringen soll. Sein Rasierwasser weckt angenehme Erinnerungen.
Ich bestelle einen Espresso und ein Glas Wasser.
Wenig später balanciert er das Gefäß, in dem sich der Espresso befindet, auf einem
hölzernen Tablett (die gleiche Farbe wie der Tisch) geschickt durch die Tischreihen,
in denen sich zur Zeit keine Gäste befinden. Die Außenseite der Tasse ist mit roten
Punkten verziert. Ich schlage mit dem Kugelschreiber gegen die Tasse. Der Kellner
schaut mich forschend an und stellt dann das Wasserglas neben die Tasse.
Ich schäme mich.
Darum ist diese Übung jetzt zu Ende.

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