Mit dem Körper schreiben

Meine Hände tasten an einer Wand entlang.
Sie fühlt sich angenehm kühl an, ist aber unsichtbar.
Ich schiebe den Ellbogen gegen die Wand, schlage mit
der Faust in sie hinein. Die Faust prallt zurück.
Ich drücke mein Schädeldach gegen die Wand,
klemme ein Knie zwischen mich und die Wände, die mich
umgeben. Mit dem Rücken schiebe ich mich an der einen
Wand entlang, reibe mit der Schulter an einer Ecke, rutsche
mit dem Hintern an ihr weiter, presse meine Nase gegen
die glatte Fläche. Ich stecke meine Ferse in eine Vertiefung,
die mir Halt gibt, lasse die andere Fußsohle weitergleiten,
bis meine verzweifelten Zehen eine Kante zu fassen kriegen,
eine Mulde, ein Hoffnung. Die Himbeere der Hoffnung.
Eine Öffnung in der Wand lässt sich ertasten, ein Weg nach
draußen, aber nur, wenn ich mich ganz dünn mache, dünner
als eine Himbeere, aber die ist schon in meinem Mund
verschwunden und rutscht in der Speiseröhre abwärts. Ich
sehe sie ganz deutlich, denn mein Körpe ist aus Glas. Darum hat
man mich hier eingesperrt. Ich bin zu zerbrechlich, um in
dieser lauten, harten Welt zu überleben. Aber immer hier drin
zu bleiben, hat auch keine Zukunft für mich. Ich suche einen
Ausweg, sehne mich nach dem wirklichen Leben da draußen, stemme
mich mit all meiner Kraft gegen die elastischen Wände, drücke mit
den Füßen gegen alle vorhandenen Widerstände, die ich spüren kann.
Bis plötzlich etwas platzt und ich mit viel Flüssigkeit
hinausschieße in einen hell erleuchteten Raum.
*

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