Ich öffne und finde (Schreibaufgabe)

Ich öffne eine Dose und finde ein Herz.
Ich öffne das Herz und finde eine Liebe.
Ich öffne die Liebe und finde einen Kummer.
Ich öffne den Kummer und finde einen Zorn.
Ich öffne den Zorn und finde eine Kraft.
Ich öffne die Kraft und finde meine Stärke.
Ich öffne meine Stärke und finde meinen Mut.
Ich öffne meinen Mut und finde meine Liebe.
Ich öffne meine Liebe und finde mein Herz.
Das kommt in die Dose
und die mach ich zu.
„Ruhe jetzt!“
Aber das Herz
lässt sich nicht zum Schweigen bringen.
Es klopft gegen die Dose.
Erst leiser, dann lauter werdend.
„Ruhe jetzt!“
schimpfe ich zornig.
„Wer bist du, mir das Schlagen zu verbieten!“
schimpft das Herz zurück.
„Du kannst ja lieben nur, und sonst gar nichts!“
antworte ich verletzt.
„Ich hätte nie auf dich hören sollen, dann wäre mir
viel Leid erspart geblieben!“
„Und was ist mit den Vollmondnächten auf dem Meer? Was ist
mit dem Blütenduft im Frühling und den Wellen des Glücks, auf
denen du geritten bist? Was ist mit dem Wind in deinen Haaren
und dem Kuss auf deinen Lippen? Soll all dies nie gewesen sein?“
Ich öffne die Dose und schaue hinein.
Ja, es schlägt noch, diese eigensinnige, alte Herz.
Es lässt sich nicht zum Schweigen bringen.
Ich glaube, es hat mir noch viel zu sagen.

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