Die 13. Person

„Warum hat deine Mutter meine Schwester nicht eingeladen?“
Ich hörte durch die Wand, wie meine Eltern miteinander stritten.
„Weil sie dann die 13. wär‘!“
„Kannst du nicht der 13. sein oder ich? Warum meine Schwester?“
„Deine Schwester hat keinen Mann!“
Als Lauscher hinter der Wand dachte ich, dass ich noch nie gerne
auf Familienfeiern gegangen bin. Immer langweilte ich mich.
Ich schrieb einen Brief an meine Tante.
„Liebe Tante Selma, Großmutter hat für Samstag, den 25. Juni, ein
Fest geplant, mit dem sie ihre Heilung feiern möchte. Du weißt ja,
wie schrecklich abergläubisch sie ist.
Sie fürchtet sie sich davor, eine 13. Person einzuladen. Eigentlich
solltest du das sein. Aber ich werde nicht da sein und möchte dich
bitten, an meiner Stelle die 12. Person zu sein.“
Am Tag des Festes erschrak Großmutter, als Tante Selma auftauchte. Mein
Vater wunderte sich, hatte aber Angst, etwas zu sagen. Ich beobachtete ihre verlegenen Mienen von meinem Versteck aus, das sich über der Scheune befand.
Meine Mutter hatte den Tisch gedeckt: 12 Teller, 12 Tassen, 12 Gläser, von allem, was man brauchte, 12 Exemplare.
Als sich alle gesetzt hatten und auf das Ereignis anstießen, hatte ich meinen Auftritt.
Die Musikanlage, die ich vorbereitet hatte, begann den „Bolero“ von
Ravel zu spielen.
Die Schlange, die ich mit Plastik und aus Papier gebaut hatte, bestand am
vorderen Ende aus einem kugelförmigen Kopf, auf den ich eine 13 gemalt
hatte. Ich stand in diesem Kopf und konnte von hier die 12 anderen kugeligen Segmente mit einer Konstruktion aus Drähten und Seilen bewegen.
Im Rhythmus der Musik tanzte ich auf die Festgesellschaft zu und wieder zurück, wie ein Tier, das versucht, durch Drohgebärden vermeintliche Angreifer zu verschrecken. Meine Schwester lachte. Sie hatte als erste verstanden, dass ich hinter der Maskerade steckte.
Ich drehte mich einmal um mich selbst und zog so mit dem am weitesten außen befestigten Segment einen Kreis um mich herum. Dann ließ ich es mit
einem lauten „KAWUMM!“ zerplatzen. Das elfte Segment verzischte in einem
kühl wirkenden blauen Licht und gab den Platz frei für die zehnte Kugel, die ich wie den Stachel eines Skorpions nach oben hievte und in einem gelb drehenden Lichtrad auflöste. Segment Nummer neun war ein Ballon, den ich mit Seifenblasen gefüllt hatte, die nun mit Geblubber und Geschlabber den Luftraum füllten.
Großmutter war begeistert und Tante Selma lachte laut. Meine Schwester klatschte in die Hände. Ich fühlte mich wie ein Genie.
Unter Knattern, Rattern und Schnattern knallten die Segmemte acht, sieben
und sechs erst gegen- und dann auseinander. Buntes Pulver in roten, gelben und grünen Farben rieselte durch die Luft. Leider stand der Wind ungünstig und die Farbpigmente legten sich auf das Tischtuch und die Gäste, die nun begannen, an sich herumzuwischen und zu -klopfen.
So bemerkten sie kaum das Heulen und Sausen, mit dem die Kugeln Nummer fünf und vier wie sich jagende Haustiere umeinander herumflitzten und in einem kurzen Blitz verschwanden, als sie sich berührten.
Das dritte Segment öffnete sich wie eine Walnuss und gab Luftballons frei, die in Spiralen nach oben getrieben wurden, wo einige im Birnbaum hängen blieben.
Nummer eins und zwei zerflossen ganz unspektakulär wie kleine Bäche im Boden des Gartens.
Am Schluß aber ließ ich auch den Kopf der Schlange mit der aufgemalten 13 in einem hell auflodernden Flackerfeuer verschwinden und stand vor der Familie wie ein Zauberer im Zirkus. Alle applaudierten.
Es war das erste Fest, auf dem ich mich nicht gelangweilt habe und legte den Grundstein für meine spätere Berufswahl:
Familientherapeut!

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