Das menschliche Fell

Es fängt immer schon in den letzten Tagen des Sommers an,
lange bevor der Herbst beginnt. Die kurzen, schwarzen Stoppeln
erscheinen auf meiner sonst nackten Haut und bilden in
kurzer Zeit ein dichtes Fell, das mich umhüllt. Am Anfang
juckt es ganz furchtbar, aber wenn die Haare dann länger werden,
fühlt es sich weich und kuschlig an. Wenn das dichter gewordene
Fell meinen ganzen Körper bedeckt, benötige ich keine Kleidung
mehr und der sonst wöchentlich stattfindende Waschtag fällt aus.
Das Fell, das mich den Winter über vor der Kälte schützt, fällt
erst im Frühjahr wieder ab, wenn der letzte Schnee geschmolzen
und die Zeit der Nachtfröste vorüber ist.
Jedesmal aufs Neue im Herbst, wenn das Fell zu wachsen beginnt,
schäme ich mich und würde mich am liebsten verstecken. Aber da
ich weiß, dass es den anderen auch so geht, habe ich mich inzwischen
daran gewöhnt und genieße es sogar, in der schlimmsten Kälte völlig
unbekleidet herumzulaufen.
Die Menschen sind in dieser Zeit vollkommen verändert.
Sie verhalten sich plötzlich so unbeschwert und unkontrolliert wie
die Tiere, grunzen und schmatzen, reiben ihre Rücken an den Bäumen
und lachen sehr viel. Es kommt oft zu spontanen Umarmungen und dabei
auch zu lustvollen Kopulationen. Dadurch gibt es im Folgejahr immer ein
Anwachsen der Population.
Der ganze Ballast der Zivilisation ist in der felligen Zeit von uns
abgefallen und erst, wenn im Frühling das Fell von uns abfällt und
Kleidung wieder unsere nackte Haut bedeckt, kehren die zivilisatorischen
Zwänge wieder in unser Verhalten zurück. Wir lächeln, obwohl wir grunzen
möchten. Wir legen die Hände ineinander, anstatt unseren Rücken am Baum
zu reiben. Anstatt zu kopulieren, studieren wir. Aber wir gehen auch ins
Theater und besuchen Konzerte. Das machen wir nicht, wenn wir von Fell
umhüllt sind, obwohl wir es eigentlich auch dann tun könnten.
Wir freuen und schon auf den nächsten Herbst.

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