Vorfrühling

Im Vorfrühling üben die glücklichen Hünen
das Küssen auf dürftig ergrünenden Bühnen.
Sie schwingen bemüht ihre blühenden Hüte
und künden inbrünstig von Blatt und von Blüte.

Wenn wer übers Wetter schreibt

Ein Gedicht über den Regen
bringt wohl kaum den feuchten Segen,
den die Dichter sich erhoffen,
denn sie sind noch sehr besoffen.
Die, die über Schnee gedichtet,
werden grausam hingerichtet,
und wer über Nebel schrieb,
wird mit einem glatten Hieb
durch den langen Hals geköpft.
Ja, verdammt und zugeknöpft.
Wer was über Wetter schreibt,
darf nicht hoffen, dass er bleibt.
Die, die übers Wetter schweigen,
dürfen sich getrost hier zeigen.

Ein Gedicht, das keiner kennt

Ein Gedicht, das keiner kennt,
möchte ins Establishment.
Doch damit hat es kein Glück.
"Geh zurück zu deinesgleichen,
anstatt hier herumzuschleichen!"
weist man es schockiert zurück.
Man behandelt es wie Dreck,
schimpft es aus und jagt es weg.
Das Gedicht in seinem Jammer
schließt sich ein in seine Kammer
und beschließt, aus Trotz, ab nun,
nichts zu tun als auzuruh'n.
Der Beschluss, den es gefasst,
hat der Welt wohl nicht gepasst.
Tage später fällt ihm ein:
"Ich muss realistisch sein!"
und peilt nahe Ziele an,
die es auch erreichen kann!
Schritt für Schritt, man muss es loben,
kämpft es sich ab nun nach oben,
bis es fast ein jeder kennt.
Sogar das Establishment
liegt ihm ehrfurchtsvoll zu Füßen
und will es sehr gern begrüßen.
Das Gedicht erklärt empört, 
dass es nicht dazugehört,
und weist deutlich darauf hin
"...dass ich eben anders bin!
Geht zurück zu euresgleichen,
anstatt hier herumzuschleichen!"
ruft es freudig mit Genuss
und macht mit dem Dichten Schluss!

Ein Gedicht, sehr gut betucht

Ein Gedicht, sehr gut betucht,
wird von Dichtern heimgesucht,
die beschlossen, es zu jagen.
Sie wollen es danach fragen,
was in all den Versen steht,
die, in Tüchern eingenäht,
es geheimnisvoll umhüllen.
Es soll ihre Neugier stillen.
Weil sie um die Verse stritten,
haben sie es aufgeschnitten
und es dadurch ganz zerstört.
Dann verlangten sie empört,
es soll ihnen offenbaren,
welche Wunder in ihm waren.
Doch die großartigen Wunder
sind jetzt nur noch alter Plunder.

Tarzan Maus

Tarzan Maus heißt dies Gedicht.
Ob es Mut hat, weiß ich nicht.
Fragt man es nach seinem Namen,
sagt es:" Bin Herr Maus aus Kamen!",
weil es doch aus Kamen kommt,
wo es sich als Kind gesonnt.
Es erinnert immer noch
das besonnte Baggerloch,
in dem Mutter täglich rief:
"Halt dich grade! Steh nicht schief!
Tarzan, sei ein ganzer Mann!
Stell dich nicht so weichlich an!
Denk an Papa und an mich
und sei nicht so zimperlich!"
Tarzan nannten sie ihr Kind,
damit alles an ihm stimmt.
Doch es machte ihnen Kummer,
denn es blieb nicht nur ein dummer,
sondern auch ein schwacher Junge
und bekam es an der Lunge.
Als er ziemlich jung verschied,
starb er als ein Leichtgewicht,
weil er Liegestützen mied.
Tarzan Maus hieß dies Gedicht.

Gedichte werden aus Worten gemacht

Gedichte: sie werden aus Worten gemacht.
Doch wo kommen die Worte denn her?
Wer hat sie in meinen Kopf gedacht
und machte sie leicht oder schwer?
Wer hat sie denn erst mit der Waage gewogen
und stellte dann fest, ob sie nicht nur gelogen
sondern wahrheitsgemäß entstanden sind:
so wie in der Mutter das werdende Kind?
Ich kann es nicht sagen,
drum will ich hier fragen,
und zwar alle Leute, die jemals gedichtet,
ob sie dort im Kopf jemals einen gesichtet,
der diese Gedichte alleine erschaffen,
anstatt wahllos Verse zusammenzuraffen
und dann so zu tun, als ob wären sie sein.
Denn das wär gemein.
Und auf die Art zu dichten
wär wirklich nicht fein.
Drum stell ich das Dichten auf weiteres ein.
*
Worte umschwirr'n mich, wie Motten das Licht.
Und wenn sie sich reimen, dafür kann ich nicht.
Ich kann halt reimen nur und sonst gar nichts.

Eine Briefmark

Eine Briefmark (sehr frei nach Ringelnatz)

Eine Briefmark, die noch schlief,
nahm man raus für einen Brief.
Jemand hat sie aufgeweckt
und dann einfach abgeleckt,
drückte sie auf das Papier
und schlug mit der Faust nach ihr.
Sie hätt' gern zurückgeschlagen,
doch man hat sie fortgetragen.
Ungewollt war diese Reise
und die Briefmark weinte leise.

Liebe ist Streifenpyjama

Liebe ist Streifenpyjama  
oder Schinken vom scheckigen Rind.  
Liebe riecht wie ein duftendes Lama,  
gewaschen mit Zucker und Zimt.  
Scharf und spitz kann sie sein an den Ecken  
und manchmal wie Daunen so weich.  
Sie zeigt sich und will sich verstecken.  
Ob jemand sie mag, ist ihr gleich.  
Die Liebe kann leicht sein und schwer.  
Wer sie findet, der dreht sich im Kreis.  
Manchmal kommt sie leichtfüßig daher  
und danach tonnenschwer, wie man weiß. 
Liebe: das sind all die Illusionen, 
die das Leben uns wohlwollend nimmt.  
Doch trotzdem kann Liebe sich lohnen.  
Auch wenn sie mal weh tut. Das stimmt!  
Liebe heißt: etwas hoffend zu suchen,  
so wie Pflanze sich sehnt nach dem Licht.  
Manche Bucheckern werden zu Buchen.  
Aber andere leider auch nicht.  
Wer Liebe sucht, wird sie nicht finden  
und kann darum nicht von ihr künden,  
denn die Liebe beliebt, frei zu sein  
und nicht eine Gewalt fängt sie ein.  
(sehr frei nach H.W.Auden)

Schreibtisch

Auf dem Schreibtisch liegt der Text, an dem ich gerade arbeite:
ein Gedicht, eine Geschichte oder ein Essay.
Ich freue mich über Anregungen zur Bearbeitung des Textes