Gott weint

Die Lichtkegel der Scheinwerfer gleiten durch die grauen Wolken.
Dort, wo ihr heller Kreis die dunkle Formlosigkeit erfasst, sieht
man die Regentropfen zu Boden fallen und auf den ebenfalls grauen
Asphalt klatschen.
Die kichernden Geister, die oben auf den Wolken sitzen, patschen in
die Hände und lassen die Wassertropfen zwischen den Händen aufspritzen.
Gott schaut von oben auf die Geister und auf die Wolken und auf den
grauen Asphalt. „Wer hat meine schöne Erde so zugenäht mit Streifen aus
grauem Geschmier? Keine Wege sind mehr frei, auf denen die Lebewesen
umherstreifen können.“ Die Regentropfen, die aus den Wolken fallen, sind
Gottes Tränen. Aber es sind Tränen der Wut. Gott beißt die Zähne zusammen,
um noch mehr Wasser aus den Wolken herauszuquetschen. Weil der Asphalt
überall die Erde verstopft, steigt und steigt das Wasser, so dass auch den
kichernden Geistern das Lachen im Halse stecken bleibt.
Unten auf der Erde gehen die Lichter aus. Die Wolken ziehen ihre Bahn immer
wieder und wieder um die Erde herum. Es hört einfach nicht auf zu regnen,
denn Gott lobt die Wolken und lässt seine mildtätige Hand durch das steigende
Wasser gleiten.

Tischliebe vergeblich

Er hatte seine Depressionen in ein Gefühlshandtuch gewickelt. Das hing nun am Haken.
Es baumelte im Wind, weil das Weltfenster geöffnet war. Es zog. Die Gabeltür war
nämlich auch geöffnet. Sie gab der Waldluft die Gelegenheit, sich in beide Richtungen
hin und her zu bewegen.
Die Situation war dem Versuch geschuldet, seine Schwammliebe loszuwerden. Am schlammigen
Ampelteich hatte er sich verliebt und seine Tischknospe die ganze Zeit angestarrt. Aber die
hatte nur voll Autotrauer auf den Boden geblickt. Schließlich kroch er zu ihr hin, warf sein
Lehrertuch vor ihr auf den Boden und begann, Worte in die graue Stofffläche zu zeichnen.
Mit Wutkreide schrieb er immer wieder:“ Ich liebe dich! Ich liebe dich!“ auf den grauen Stoff.
Als er es gar nicht bleiben ließ, hat sie ihn mit dem Waldlöffel auf den Kopf geschlagen. Auch
immer wieder. Ich liebe dich . Sie schlug. Ich liebe dich. Sie schlug. Bis er voller Verzweiflung
in die Wutkreide biss und den Mathetisch nach ihr geworfen hat.
Nun kam zuerst die Polizei und später die Depression. Er versuchte zwar, sie mit dem Depressions-
handtuch loszuwerden, aber es hing immer noch dort am Haken, um zu baumeln.
Das Lehrertuch lag auch immer noch auf dem Boden, wo es das „Ich liebe dich!“ umschlungen hielt.

Schreibmuskel 0005

Der nächste Sinn, dem ich mich zuwenden möchte, ist der Geruchssinn. Bei der olfaktorischen
(olfacere = riechen) Wahrnehmung können außer den Geruchsreizen auch noch andere taktile,
chemische oder Geschmacksreize Auslöser sein. Manche Gerüche werden nicht bewusst wahrgenommen
und können das Verhalten des Menschen beeinflussen.
Lebewesen sondern Gerüche ab, um ihre Umwelt zu beeinflussen. Das kann ein würziges Aroma sein
oder Fäulnisbakterien, um Fliegen anzulocken. Es kann herb oder süß riechen, verführerisch oder
penetrant. Die Charakterisierung der Düfte kann lauten: verbrannt, frisch, modrig, faulig, erdig,
stinkig, dreckig, speckig, gärig, sauer, basisch, seifig wie eine Lauge, miefen, müffeln ….
Wobei die Blüte duftet und der Abfall stinkt.
Die Aktivität des Riechens zu benennen, finde ich schwierig. Es gibt so wenig Worte dafür. Vielleicht
weil dieser Sinn so weit außerhalb der bewussten Wahrnehmung liegt.
Ich komme nur auf: riechen, schnüffeln, schnuppern, wittern, beschnoben, in die Nase steigen,
flehmen (bewusstes Wittern mit offenem Maul), das Bouquet oder Bukett eines Weines einatmen,
der Duft, den die Aromen versprühen,
Morgens freue ich mich über den Duft des Kaffees, den Geruch des Duschgels und des Shampoos. Gehe ich
aus dem Haus, laufe ich an einer Hecke vorbei und schnuppere pflanzliche Ausdünstungen aber auch die
Hundescheiße, die dort hinterlassen wurde.
Den ganzen Tag umgeben mich Gerüche.

Davon inspiriert, schreibe ich:

Hase wackelt mit der Nase.
Gas steigt auf in seine Nase.
Schinken stinken.
Schufte duften.
Schweiß riecht man, wenn Menschen schuften.
Wie Lavendel riecht wie Mama,
macht sie sich chic für Papa.
Schokoduft hat mich verführt,
wenn die Oma Pudding rührt.
Die Aromen von Zitronen
sollen in dem Kuchen wohnen.
Ganz egal, ob Duft, ob Mief.
Dies wird mein Geruchs-Archiv!

Sollte man sich auf jeden Fall anlegen,
um darauf zugreifen zu können.

Schreibmuskel 0004

Gestern habe ich mich mit dem haptischen Sinn beschäftigt. Heute möchte ich meine
Aufmerksamkeit dem Hören widmen. Wenn ich meine Wahrnehmungsfähigkeit als Autor
verbessern will, ist es gut, mich mit meinen Sinneseindrücken auseinanderzusetzen.
So denke ich darüber nach, welches Wort ich nehmen kann, um zu beschreiben,
wie Luft oder Gas entweicht: zischen
wie Holz im Feuer brennt: knistern, knacken
wie der Wind durch Bäume weht: rauschen
Aber auch ein Bach kann rauschen.
Wie komme ich zu einer genaueren Beschreibung meiner Höreindrücke?
Ich kann bei den Geräuschen beginnen:
knattern, flattern
und untersuchen, wie sie entstehen.
Motorengeräusch, Flügelschlag
Ich kann Geräusche auch dadurch charakterisieren, dass ich schildere, wie sie
entstehen.
Zerreißen von Papier
Einschlagen eines Nagels
Zucken von Schmetterlingsflügeln
Natürlich kann mein Text auch dadurch lebendiger werden , dass ich
Lautmalereien etwa in Form der Comicsprache einbaue:
ZONG! BOING! ZACK! BRUMM! WAMM! SLAM! WUSCH! KABOOM! WOW! MIAU! SPLASH!
Jedenfalls lohnt es sich, Listen anzulegen, in denen man Ausdrücke für Gehörtes
sammelt, um gegebenenfalls darauf zurückzugreifen.
gluckern, blubbern, plätschern, tropfen, platschen, klatschen etc.

Von diesen Gedanken inspiriert, schreibe ich:

Ein Tropfen fällt und platscht ins Nass.
Konzentrisch kreist’s im Wasserfaß.
Das Wasser gluckert frech am Rand,
wo sich bisher kein Plätschern fand.
Zwei Elstern kreischen, pfeifen, flöten
und wollen kleine Vögel töten.
Man sieht sie auf ihr Opfer starren,
hört, wie sie mit den Krallen scharren.
Ein ZONG! Ein WUSCH! Ein Peitschenknallen!
Schon sieht man Elstern wimmernd fallen,
denn über knirschend morsche Bretter
nähert sich singend unser Retter,
der scheppernd seine Peitsche schwingt,
die so wie Blech auf Eisen klingt.

Schreibmuskel 0003

Meine Schreibmuskeln zu trainieren bedeutet auch, dass ich versuche, die Welt bewusster wahrzunehmen.
Je klarer ich sehe, höre, rieche, schmecke und ertaste, was um mich herum geschieht, um so deutlicher
kann ich meine Eindrücke in Worte fassen. So können andere beim Lesen spüren, was ich gespürt habe.
Wenn ich Dinge anfasse, erfahre ich etwas über ihre Größe, ihre Temperatur und ihre Masse.
Wenn ich sie anhebe, fühle ich, wie schwer oder leicht sie sind. Ich kann ihre Form ertasten und
ihre Konturen beschreiben, über die Oberfläche streichen, um ihre Struktur zu berühren. So kann
ich etwas über ihre Textur erzählen.
Einen Stoff zu berühren, ist eine Möglichkeit, diese Sinnlichkeit zu erleben.
Ich streichle über etwas Pelziges oder lasse meine Hand über etwas Glattes gleiten.
Wenn meine Hand einen rauen Untergrund spürt, wird sie vorsichtig. Sie liebt weichen Stoff, der
kühl in der Hand liegt, vor allem an einem heißen Sommertag.
Ich fühle mich in das Thema ein und schreibe:

Ein Kleiderstoff, dünn und so zart wie gehaucht,
in Nußschalen lagernd, noch niemals gebraucht,
wird herausgehoben von tastender Hand,
die noch nie zuvor etwas so Samtweiches fand.
Dieser Stoff fließt nun kühl über spürende Haut,
wird gedreht und gewendet und staunend beschaut.
Diese tastende Hand will auf Tuchfühlung gehen
und diesen Stoff nicht mehr nur wenden und drehen,
nein, sie will ihn begreifen und mit ihm zerfließen,
wenn wir sie nur ließen.
Doch bevor dies geschieht legen mit strengem Blick
wir den Stoff in die offenen Schale zurück.

Schreibmuskel 0002

Um das Gehör für den Klang der Sprache zu verfeinern
und die sprachliche Musikalität im Umgang mit Lauten
und rhythmischen Elementen zu verbessern, suche ich mir
eine Reihe ähnlich klingender Worte und nähe mir daraus
einen Text zusammen.
Für meine Schreibmuskelaufgabe wähle ich [..rre…]
verharren, knarren, Knarren, schnarren, Narren, Pfarrer,
Barren, Karren, plärren, irren, girren, klirren,
sirren, schwirren, gurren, schnurren, murren,
surren, Zigarren, verdorren, verworren, Plörren, Herren,
verwirren, kirre, schnorren
Ich lasse beim Einsammeln der Worte auch kleine Abweichungen
zu wie: Terror, Torero, Horror,
damit mein Unterbewusstsein mehr SPIELRAUM bekommt.

Torero-Terror. Herrenhaus.
Bolerotanz. Das Licht geht aus.
Die Narren zielen mit den Knarren
auf Pfarrer, die im Saal verharren,
während die Herren murrend schnurren
und sirrend an Zigarren surren.
Noch gurren sie in ihren Plörren,
obwohl sie heimlich Rache schwörren.
Zu dichten fordert manchmal Mut,
damit sich auch was reimen tut.

Schreibmuskel 0001

Ich möchte meinen Schreibmuskel trainieren. Wie jede andere Fähigkeit, kann
ich auch die Kunst des Schreibens weiter entwickeln und verbessern, indem
ich sie täglich übe. Einfach drauflos zu schreiben finde ich manchmal sehr
befreiend. Aber auf Dauer kann es sehr unbefriedigend sein. Darum suche ich
mir Schreibaufgaben, mit denen ich meine Kunst verfeinern kann.
Die Aufgabe lautet: Nehme einen beliebigen Haushaltsgegenstand, „betrachte“ und
„beschreibe“ ihn. Mein Freund Michael hat mir neulich erklärt, dass Meditation
bedeutet:“Nach innen schauen.“ und Kontemplation:“Den Blick auf etwas richten,
das sich außerhalb befindet.“ Also Kontemplation – und zwar mit einer Tasse
aus meinem Schrank.
Es ist eine Espressotasse. Ich glaube, früher hat man Mokkatasse dazu gesagt.
Sie besteht aus einem Gefäß, in dem man Espresso serviert. Darum ist das Gefäß
oben offen, hat aber unten einen Boden, damit der Espresso nicht hinausläuft.
An der Seite befindet sich ein Henkel, das ist eine griffige Verzierung, an
der man die Tasse halten und zum Mund führen kann. Die Außenseite der Tasse ist
weiß und mit roten Punkten verziert. Wenn ich mit dem Kugelschreiber gegen die
Tasse schlage, höre ich einen angenehm hellen Ton, der noch eine Zeitlang
nachschwingt. Wenn ich gegen den Henkel schlage, entsteht ein kurzer, flacher
Ton.
Nun habe ich den ersten Teil meiner Schreibaufgabe erledigt.
So wie Fingerübungen oder Tonleitern am Klavier die Fähigkeit des Klavierspielens
steigern, kann ich mein Schreiben durch solche Übungen verbessern.
Die Tasse soll nun an einem anderen Ort auftauchen. Und was wäre ein geeigneterer
Ort für eine Tasse als ein Cafe. Also.
Am Fenster, das einen freien Blick auf die Straße gestattet, steht ein runder
Tisch aus Holz. Ich sehe ihn gleich, als ich das Cafe betrete und wähle ihn als
Arbeitsplatz. Die Vase aus weißem Porzellan mit den roten, schon leicht welkenden
Tulpen, schiebe ich an die Seite. Ein pflanzlicher Geruch steigt in meine Nase.
Ich hole mein Schreibheft aus der Aktentasche und lege es auf den Tisch, den
schwarzen Kugelschreiber daneben. Ich schreibe immer mit einem Stift in der Hand,
weil die Hände ein Teil des Gehirns sind und die Neurotransmitter ihre Ideen so durch
das Nervensystem in die Finger hinein und durch sie hindurch auf das Papier fließen
lassen können.
Der junge Mann, der hinter der Theke stand, kommt zu mir und fragt mich, was er mir
bringen soll. Sein Rasierwasser weckt angenehme Erinnerungen.
Ich bestelle einen Espresso und ein Glas Wasser.
Wenig später balanciert er das Gefäß, in dem sich der Espresso befindet, auf einem
hölzernen Tablett (die gleiche Farbe wie der Tisch) geschickt durch die Tischreihen,
in denen sich zur Zeit keine Gäste befinden. Die Außenseite der Tasse ist mit roten
Punkten verziert. Ich schlage mit dem Kugelschreiber gegen die Tasse. Der Kellner
schaut mich forschend an und stellt dann das Wasserglas neben die Tasse.
Ich schäme mich.
Darum ist diese Übung jetzt zu Ende.