Herzloser Kühlschrank

Mein Kühlschrank hat leider sein Passwort vergessen.
Er öffnet mir jetzt seine Türe nicht mehr.
Ich habe schon Stunden hier vor ihm gesessen,
bin hungrig und durstig. Das Leben ist schwer!
Erst hab ich gebeten, dann hab ich geschimpft!
Die Software des Kühlschranks, dagegen geimpft,
verlangt mit dem immerzu gleichen Akzent
das richtige Passwort, weils meines nicht kennt!
Ich hab ihn getreten, ich hab ihn gehau'n.
Er sagt, ich soll mal in die Handbücher schau'n!
Der Kühlschrank ist herzlos. Er lässt mich im Stich.
Dabei stimmt das Passwort, doch das weiß nur ich!
Von einer KI sicher falsch programmiert,
lässt er mich hier hängen und ich bin blamiert!
*

Marschierende Gedichte

Gedichte, die marschieren,
sind gegen das Flanieren.
Zu ruhen und zu chillen
ist gegen ihren Willen.
Einfach so rumzuhängen
entspricht nicht ihren Zwängen.
Sie hassen es zu schleichen.
Der Arbeit auszuweichen
entspricht nicht ihrem Stil.
Ihnen ist nichts zuviel.
"Nur Rennen, Rasen, Flitzen
lässt uns im Sattel sitzen!
Zu bummeln und zu zotteln,
macht Menschen schnell zu Trotteln!"
rufen sie unermüdlich
und sind niemals gemütlich.
Nur Arbeit ist ihr Leben!
Das soll es wirklich geben!!
*

Löwenzahn für Mienchen

Löwenzahn für Mienchen, 
mein hungriges Kaninchen. 
Es wackelt mit den Öhrchen, 
denn es mag lieber Möhrchen. 
Doch für die feste Speise, 
fehlen ihm, ach, die Zähnchen! 
Deshalb stecke ich weise 
ein möhrengleiches Fähnchen 
in meinen Strauß aus Löwenzahn, 
worauf es gleich 
gehoppelt kam.
*

 

Ein Gedicht lässt mich im Stich

Ein Gedicht lässt mich im Stich,
denn es schweigt und weigert sich,
mit mir Hand in Hand zu gehen,
um die Sache durchzustehen.
Es machte sich aus dem Staub
und stellt sich nun einfach taub.
Statt zu kämpfen voll mit Zorn,
wirft's die Flinte in das Korn,
hat die Lunte schnell gerochen
und sich ängstlich früh verkrochen.
Darum kämpf ich jetzt alleine.
Taucht es auf, mach ich ihm Beine!
*

Die Strassenbahn

Die Strassenbahn langweilt sich rund um die Uhr.
Sie fährt Tag für Tag immerzu in der Spur
der eisernen Schienen.
Gefangen in ihnen
dreht sich dieses Leben in endlosem Kreis.
Um dem zu entkommen, zahlt sie jeden Preis.
So rammt sie die Menschen und schrammt Autos an,
benimmt sich so schlecht wie nur sie schlecht sein kann,
bis alle sich fürchten, entsetzt vor ihr flieh'n.
Das schlimme Benehmen wird ihr nicht verzieh'n.
Statt weiter zu trotten
im täglichen Trott,
wird man sie verschrotten
und schickt sie zum Gott
gelangweilter Bahnen.
Und man kann schon ahnen,
wie langweilig es in der Himmelswelt ist
und wie sie die eisernen Schienen vermisst.

 

Cowboy

Der Typ in der Glotze gefiel mir.
Er hatte breite Schultern und schmale Hüften
und schoss auf alles, was sich ihm in den Weg stellte.
So wollte ich sein.
Ich hatte es satt, dass alle mit mir den Larry
machten und mich an die Seite schoben. Schon als 
Kind tanzten die anderen mir auf der Nase herum
und schubsten mich in den Graben.
Ich wollte so werden wie er und übte vor dem
Spiegel so männlich zu gehen, als hätte ich einen
Colt an der Seite baumeln.
"Musst du zum Klo?" fragte meine Oma mich.
"Nein, ich übe, ein Mann zu sein!" sagte ich
und verdrehte die Augen. Sie verstand aber
auch gar nichts.
Ich lief auf den Hof hinaus und versuchte,
meine Schultern breiter zu machen, indem ich
tief einatmete und die Luft anhielt.
"Du platzt gleich!" rief Tante Elly vom 
Nachbargrundstück, wo sie grade die weiße
Wäsche mit bunten Klammern an der Leine
befestigte.
Die alten Frauen hatten keine Ahnung davon, 
was wirklich wichtig war. Aber das behielt ich
natürlich für mich.
Ich zog den Bauch ein und versuchte, gespannt
wie ein Flitzebogen über die Straße zu flitzen.
Hanno stellte mir ein Bein.
Ich stürzte und meine Nase blutete.
"Wenn du ein Mann werden willst, musst du dich
abrollen können und weich sein wie Butter!"
sagte er und half mir wieder auf die Beine.
"Sonst zerbrichst du wie Eis!" fügte er hinzu.

Ein Bürgersteig träumt

Ein Bürgersteig träumt,
er hätte versäumt,
alles, was ihm passiert ist,
genau zu notieren.
Es darf nicht passieren,
dass alle, die immerzu ungeniert
über sein Trottoir hinweg marschiert
sind,
egal ob Vater, ob Mutter, ob Kind,
oder die schwadronierend auf ihm spazierten
und sich dabei nicht mal ein bißchen genierten,
dass all diese nicht als Erinnerung bleiben.
Er wollte es gerne notieren und schreiben,
damit alle wissen, wie wichtig er war.
Wie großartig, einzig und wunderbar
er zu seiner Zeit gewesen ist
und dass alle Welt ihn nun wirklich vermisst.
Das wollte der Bürgersteig sehr gerne wissen,
doch er hat vergessen, die Flagge zu hissen,
die in dem Gedächtnis Markierungen macht.
Darum hat sein Hirn sie nicht angebracht,
und alles verschwand so, als wäre es gleich.
Oder spielt die Erinnerung ihm einen Streich?
Vielleicht weiß ja doch noch ein dieser und jener,
wie schön es sich damals flanieren ließ,
auf dem Bürgersteig, so wie im Paradies.
Doch er ist jetzt nur noch ein Haufen Steine
und Erinnerung, da hat er leider nicht eine.