Vom Pferd erzählen, Teil 7

"Ja, springen müssen wir." sagte Matthi.
"Aber nicht hoch und nicht weit, sondern in unsre Seele hinein."
"Wie sssoll dasss tenn gehen?" fragte Dora.
"Und wo isss dasss üpherhaupt!"
"Ich habe von solch einem Ort noch nie gehört!" behauptete Alma. 
"Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es so einen Ort überhaupt gibt!"
"Und wenn doch, gibt es dort ganz bestimmt Löwen und Schlangen!"
wehrte sich Hulda gegen die Richtung, die das Gespräch nahm.
"Es gibt dort nur das, was schon in uns ist!"
Matthi wackelte mit den Ohren.
"Wenn wir diesen Sprung wagen, finden wir vielleicht die Antwort darauf, 
wie ihr euch gegen die Tierfresser wehren könnt. Hufe und Zähne werden 
dabei nicht reichen."
"Ja, ja, sssiii haphen Drohnen und Internet!"
"Ich habe auf dem Weg hierher Kräuter gesammelt." Mathhi steckte seinen Kopf
in den Stoffsack, der um seinen Hals hing.
"Wir müssen diese Kräuter nur ins Feuer werfen und den Rauch einatmen.
Und dann müssen wir springen." erklärte Matthi.
"Aber wie sollen wir springen und wohin?"
Es war Dorano, der diese ganz einfache Frage stellte, die allen durch den Kopf ging.
"Wenn ihr das Kraut geatmet habt, seht ihr das Tor, durch das ihr springen müsst! 
Also, wollt ihr euch auf das Risiko einlassen?"
"Risssikkooo?" kreischte Dora. "Davon hasss tu noch kar nichtsss gesssagt. 
Wasss denn für ein Risssikkooo!"
"Der Weg nach Innen ist einfach, wenn man das Kraut geatmet hat, aber den Weg zurück 
muss jeder für sich alleine finden. Es kann sein, dass ihr euch verirrt und lange 
wie in einem Labyrinth herumlauft, bevor ihr es schafft, zurückzukommen."
"Wenn man es schafft!" bemerkte Dorano, der sich erinnerte, dass Matthi manchmal nicht 
genau wusste, wo was war.

Vom Pferd erzählen, Teil 6

"Können wir uns denn nicht vor ihnen verstecken?" fragte Hulda mit zitternder Stimme.
"Sssiii sssint üpherall!" flüsterte Dora. "Nichtsss kann ihnen entkommen. Sssiii 
haphen Drohnen und Internet!"
"Wir sind geliefert!" klagte Hulda.
"Ich kenne einen Platz," ,sagte Matthi, "an dem wir sicher sind!"
Dorano sah ihn an. Das hatte er schon mal gehört. Und auch, dass Matthi nicht genau 
wusste, wo das war.
"Es gibt eine Zuflucht, die uns keiner nehmen kann!" behauptete Matthi.
"Apher sssiii sssint üpherall!" murmelte Dora weinerlich.
"Sie werden uns mit ihren Messern zerfetzen," ,kreischte Hulda, "und dann braten und
fressen sie uns."
"Vorher bring ich mich um!" flüsterte Alma und rieb ihre tropfende Nase an einem Stück 
Wiese trocken.
Dorano scharrte mit den Hufen und versuchte, den anderen Mut zu machen.
"Wir können uns wehren!" versicherte er. 
"Wir können beißen und haben harte Hufe!"
Mit einem Blick zu Matthi fügte er hinzu:
"Und springen können wir auch!"
"Ja, sssphringen können wir auch!" rief Dora begeistert.
"Apher nich sssooo hoooch und nicht sssooo weit wie du ein ssstarkesss Pferd!"

Vom Pferd erzählen, Teil 5

Mit vereinten Kräften gelang es ihnen, das Geröll und die Felsbrocken 
so weit an die Seite zu schieben, dass die Kuh aus ihrem Gefängnis 
heraussteigen konnte. Sobald sie ihre Bewegungsfreiheit wieder erlangt 
hatte, ließ sie ihren Schwanz kreiseln und rannte weiter bergauf.
"Macht sssnell! Macht sssnell!" rief sie ihnen zu.
"Sssonsss kommen sssiii!"
Dorano und Matthi hatten keine Mühe, mit der Kuh Schritt zu halten,
obwohl Kühe schneller sind, als man gemeinhin denkt. Sie galoppierte
weiter den mit Bäumen bestandenen Berg hinauf, bis sie zu einem freien Platz
kam, wo zwei andere Kühe an einem Lagerfeuer saßen.
"Dora, da bist du ja!" rief Alma, eine der beiden Kühe.
"Wo warst du denn? Wir haben uns Sorgen gemacht!"
fügte Hulda, die andere, hinzu.
"Und wer sind die beiden Typen, die du da angeschleppt hast!"
riefen beide wie aus einem Mund.
Dora berichtete den beiden, wie sie vom Geröll verschüttet und 
danach von Matthi und Dorano befreit wurde.
"Wieso lebt ihr hier mitten im Wald?" wollte Matthi wissen.
"Wir lebten früher in einer Kuh-Muh-Ne!" klärte Alma ihn auf.
"Aber die Tierfresser haben uns immer wieder überfallen und
unsere Freunde gefangen, gekocht und gebraten!"
"Tierfresser sssind sssrecklich!" klagte Dora.
"Unn sssiii ssstinken nach Pluht!" erklärte sie.
Die Äste im Feuer knackten und manchmal flogen Funken auf.
Das Feuer warf ihre Schatten auf die schmalen Bäume, die
hinter ihnen auf den Felsen ein kärgliches Dasein fristeten.
Die Schattenohren von Matthi und Dorano tanzten ebenso auf
den Baumstämmen wie die Hörner der drei Kühe.
Dora, Hulda und Alma waren wie Dorano von Bauernhöfen geflohen.
Als sie in den Bergen auf andere Kühe trafen, hatten sie eine Gemeinschaft
gebildet, die nun feststellen musste, dass es weitaus Schlimmeres
gab als grausame Menschen.
"Noch grausamere Menschen!" sagte Alma, die wegen der Flecken auf
ihrem Gesicht aussah, als würde sie eine Brille tragen.

Vom Pferd erzählen, Teil 4

Dorano hatte sowieso keinen Plan.
Deshalb trottete er Matthi hinterher, immer an dem winzigen Bächlein entlang,
das umso schmaler wurde, je weiter es bergauf ging.
Weiter unten war der Bach breiter gewesen, weil er von anderen, kleineren
Bächen gespeist worden war.
"Gut, dass ich so viel arbeiten musste." dachte Dorano.
"Sonst wären meine Muskeln nicht stark genug, um diesen Weg hier zu schaffen."
Es ging weiter durch bewaldetes Gelände, aber auch über Felsen und zwischen 
stachligen Sträuchern hindurch.
Schließlich erreichten sie die Stelle, an der das Wasser sprudelnd
aus dem Felsen heraussprang. Es schmeckte köstlich erfrischend.
Allein dafür hatte sich der ganze Weg gelohnt.
Sie schauten von dem Berg, den sie erklommen hatten, hinunter in das
Tal. Vom Bauernhof war nichts mehr zu sehen.
"Und?" fragte Matthi. "Bist du nun zufrieden, da du deine Freiheit gewonnen hast?"
"Vorher war alles mühselig, aber auch einfacher." antwortete Dorano.
"Ich musste nie überlegen, was ich machen will...."
"Ich habe von einem Platz gehört, an dem man herausfinden kann, was man wirklich will."
behauptete Matthi.
"Und du weißt, wo das ist?"
"Nun ja, nicht so ganz genau. Aber, wer nicht wagt, der nicht gewinnt."
Dorano blinzelte mit den Augen und spitzte die Ohren.
"Hörst du das?" fragte er Matthi.
Das leise Wimmern eines Tieres war zu hören.
Sie stiegen weiter den Berg hinauf, um die Ursache des Gejammers zu finden.
Hinter der nächsten Wegbiegung  entdeckten sie eine Kuh, die mit ihren Hufen zwischen 
Felsbrocken feststeckte.
"Muuuh!" Die Kuh hatte die Augen weit aufgerissen und schlug aufgeregt mit dem Schwanz.
Dann rief sie: "Macht sssnell! Macht sssnell"
Offenbar erwartete sie, dass Matthi und Dorano ihr helfen würden.
Matthi tastete sich an die Kuh heran, vorsichtig, um nicht auch noch von den Felsen
überollt zu werden.
Dann begann er, die Gesteinsbrocken sanft zur Seite zu schieben, von wo sie weiter 
abwärts rollten. Dorano kletterte behutsam auf die anderen Seite und begann nun 
auch von dort, die Kuh aus ihrer misslichen Lage zu befreien.
"Macht sssnell!" flüsterte die Kuh.
"Macht sssnell, sssonsss kommen ssssiii!"
Dorano blickte sich um, aber er konnte niemanden sehen.
"Gut, dass ich so viel arbeiten musste!" dachte er.
"Sonst wären meine Muskeln nicht stark genug, um der Kuh zu helfen."

Vom Pferd erzählen, Teil 3

"Wo kommst du denn her?" fragte Pferd den Esel.
"Ich bin dem Tod von der Schüppe gesprungen!" lachte der Esel.
"Aber er hätte mich sowieso nicht gewollt, denn ich bin noch 
nicht reif für die Ernte!" fügte er hinzu.
"Ich heiße übrigens Matthi!" erklärte der Esel dann.
"Hast du auch einen Namen?"
Pferd suchte in seinem Gedächtnis, denn es war lange nicht mehr 
mit seinem Namen gerufen worden.
"Ich glaube, in meiner Herde hat man mich Dorano genannt."
"Bist du sicher ?" fragte Matthi.
"Nein!" antwortete Pferd nachdenklich.
"Egal!" versicherte Matthi. "Ich nenne dich ab jetzt Dorano!"
"Aber wie soll es weitergehen?" fragte Dorano.
"Wir werden verhungern und verdursten!"
Matthi sagte: "Für den Moment wird der Wald für uns sorgen. Die Natur
ist unsere Mutter und dieser Wald eine Quelle von Köstlichkeiten!"
Er zeigte Dorano duftende Kräuter und kleine Büsche mit roten und
blauen Beeren, die hier wuchsen. Dorano hatte diese Leckereien zuvor 
nicht gesehen und nun machten sie sich gemeinsam an dem Schlaraffenland 
zu schaffen.
Nach einer Stunde waren sie satt und tranken Wasser an dem Bach, der
durch den Wald plätscherte.
"Ich wandere jetzt an diesem Bach entlang, um seine Quelle zu finden.
Dort schmeckt das Wasser besonders gut!" sagte Matthi zu Dorano.
"Kommst du mit?"

Vom Pferd erzählen, Teil 2

Am nächsten Morgen erwachte Pferd mit gefletschten Zähnen und Schaum 
vor dem Mund. Es spürte ein wildes Pochen in seinem Brustkorb.
Als der Bauer kam, um es aufs Feld zu führen, sträubte es sich und 
versuchte, sich immer seitlich vom Bauern weg zu bewegen. Der Bauer 
schimpfte und schlug mit seiner Faust gegen die Flanke von Pferd. 
Pferd schnappte mit den Zähnen nach dem Bauern. Daraufhin griff der 
Bauer nach einer Peitsche und schlug Pferd damit auf den Rücken.
Pferd wieherte und stellte sich auf die Hinterbeine, wirbelte
die Hufe durch die Luft vor dem Gesicht des Bauern.
Der Hund bellte und zerrte an seiner Kette.
Der Bauer holte eine Mistgabel und ließ den Hund frei. Der Hunde raste 
bellend von hinten an Pferd heran, während der Bauer es von vorne mit 
der Mistgabel bedrohte.
Pferd trat mit den Hinterläufen aus. Die Hufe trafen den Hund, der 
jaulend durch die Luft flog.
"Und springen kannst du auch!" dachte Pferd und galoppierte auf das 
Tor zu, neben dem sich ein niedriger Zaun befand.
Es sprang, wie es noch nie gesprungen war, und galoppierte vorwärts, 
ohne nachzudenken, wohin und was es eigentlich wollte.
Nur weg! Nur weg! Nur weg!
So galoppierte es eine lange Zeit und trabte dann bis es schließlich 
atemlos stehenblieb. Der Schweiß tropfte an seinem Körper herab.
Der Atem beruhigte sich und das Pochen in der Brust wurde langsamer
und leiser.
Pferd konnte den Bauernhof noch sehen. Aber er war sehr weit weg.
Noch drei Hufe weiter. Dann begann der Wald.
"Was habe ich getan?" dachte Pferd.
"Ich habe meine vertraute Welt ohne Not verlassen und weiß nicht, wo 
ich nun Wasser und Heu herbekommen soll. Wie soll ich bloß weiterleben? 
Ich werde elend zugrundegehen."
Pferd lief in den Wald hinein, um einen ruhigen Platz zu finden. Es 
musste sich darüber klar werden, was es als nächstes tun wollte.
Sollte es zum Bauern zurücktraben?
Pferd drehte die Ohren in alle Richtungen, hörte, wie die Vögel 
zwitscherten, wie das Laub in den Bäumen rauschte, das Plätschern 
eines Baches und plötzlich ein lautes "I-A, I-A, I-A!".

Vom Pferd erzählen, Teil 1

Pferd hatte keine Träume mehr. Gar keine.
Es stand still im Stall und kaute auf dem trockenem Heu herum. 
Manchmal lag eine verirrte Blüte zwischen den Halmen.
Sie zauberte einen anderen Geschmack auf die Zunge von Pferd. 
Dann tropfte etwas Speichel aus seinem Maul und die Nüstern von
Pferd wurde weit. Es schloß die Augen.
Ein Zittern lief durch seine Flanken.
Pferd durfte den Stall nur verlassen, wenn es den Pflug ziehen 
musste oder vor schwere Karren gespannt wurde.
Wenn der Bauer das Pferd aus dem Stall hinaus über den Hof führte, 
zerrte der Hund des Bauern an seiner Kette und bellte wütend und laut.
Pferd wieherte, rollte mit den Augen und drängte ängstlich zur Seite. 
Aber der Bauer zog Pferd an dem Hund vorbei hinaus auf das Feld.
Nach der Arbeit und nachts stand Pferd alleine im Stall und spitzte 
die Ohren. Es konnte die Ohren in viele Richtungen drehen. Es hörte, 
wie die Vögel zwitscherten, wie der Regen fiel, hörte das Rauschen der
Blätter in den Bäumen, das Bellen des Hundes und eines Morgens ein 
lautes "I-A, I-A, I-A!".
In der Box nebenan, die bisher immer leer gewesen war, stand ein Esel.
"Wo kommst du denn her?" fragte Pferd den Esel.
"Woher soll ich schon kommen?" antwortete der Esel.
"Von draußen, aus der Welt!"
"Und? Ist sie schön, die Welt da draußen?" wollte Pferd wissen.
"Soll das heißen, dass du die Welt da draußen nicht kennst?" fragte der 
Esel spöttisch.
"Wie soll ich die Welt kennen, wenn ich immer arbeiten muss!" antwortete 
Pferd und schlug mit dem Schwanz gegen die Holzwand seiner Box.
Am Abend dieses Tages, als der Bauer Pferd in den Stall zurückbrachte, 
sagte Esel: "So blöd möchte ich auch mal sein! I-A! Den ganzen Tag 
arbeiten für ein paar trockene Halme!"
Pferd wackelte mit den Ohren und schlug mit einem Huf gegen die Wand aus Holz.
Am Abend des zweiten Tages, als Pferd schweißüberströmt in der Box stand, 
sprach der Esel: "So etwas würde ich mir nicht gefallen lassen! Ich wär' schon 
längst über alle Berge!"
"Ich kann hier nicht weg!" erklärte Pferd.
"Der Hund hat scharfe Zähne und lässt mich nicht aus den Augen!"
"Du kannst genau so gut beißen!" erwiderte der Esel. "Und harte Hufe hast du auch!"
Dabei schlug er mit seinen Hufen nach hinten aus, wodurch ein Riss in der hölzernen 
Wand der Box entstand.
Als Pferd am nächsten Abend über den Hof Richtung Stall trottete, überlegte es, 
welche Weisheiten der Esel heute wohl wieder zum Besten geben würde. Aber der 
Esel wurde gerade aus dem Stall zu einem Lastwagen geführt, auf dem 
"Schlachthof Lengendorf" stand.
Der Esel rief noch: "Und springen kannst du auch!".
Dann war er verschwunden.
"Seltsam, wie schnell man sich an die Nähe eines anderen Tieres gewöhnen kann!" 
dachte Pferd und wühlte mit dem Maul durch das Heu in seiner Krippe. Ein angenehmer
Geruch stieg in seine Nase. Ein Stück Apfel war zufällig in die Krippe gelangt.
Dieser irgendwie vertraute Geruch stupste etwas an in dem Gehirn von Pferd und ließ
Bilder an die Oberfläche des Bewusstseins steigen, an die es sich lange nicht erinnert hatte.
Pferd sah sich als Fohlen über blühende Wiesen springen und mit anderen Fohlen um 
die Wette galoppieren. Es trabte neben seiner Mutter am Waldrand entlang und wieherte 
aus Freude über die aufregenden Düfte und Geräusche, mit denen der Wald seine Neugier
weckte.
In dieser Nacht träumte Pferd von seiner Kindheit. Es dachte an die Sehnsüchte und
Wünsche, die es ins Leben hinein gelockt hatten. Deutlich und klar hatte es damals 
Bilder davon gesehen, wie die Zukunft aussehen würde. 
Und in dieser Zukunft hatte es diesen Stall und diese Box nicht gegeben.
Zornig schlug Pferd mit dem Schwanz und trat mit den Hufen gegen die Wände der Box. 
Sogar im Schlaf zuckte es noch mit den Beinen und drehte den Kopf unruhig hin und her.

 

Die Stille ist ein grausamer Lehrer

Ich saß einfach da und wartete. 
Die Uhr tickte. Der Abstand zwischen den Geräuschen schien immer gleich lang zu sein. 
Mein Herz schlug nicht so schnell wie die Uhr tickte. Aber vielleicht tickte ich auch 
nicht richtig. Ich überprüfte meinen Puls und lauschte auf meinen Atem. Offenbar war 
ich noch lebendig, auch wenn meine Haut sehr blass geworden war. Das kam von dem 
Schreck, der mir durch die Glieder fuhr, als er mich in dieses Verlies gesperrt hat. 
Ich weiß nicht, was er mit mir vorhat. Jedenfalls muss ich mir keine Gedanken mehr um 
meine Zukunft machen. Ich fürchte mich nicht mehr vor einem Leben in Armut, das mir 
bevorstehen würde, wenn er mich am Leben ließ. Sicher hat er das Messer schon geschliffen, 
mit dem er mir die Kehle durchschneiden will.
Ich habe beschlossen, mich dem Tod ganz einfach hinzugeben. Nichts leichter als das. 
Der Tod hat mich schon oft an der Gurgel gehabt und war jedes Mal erstaunt darüber, 
wie entspannt ich war. Ich überließ mich seinen starken Armen und wenn er dachte, er 
hätte leichtes Spiel mit mir, bin ich ihm doch noch entwischt.
Eigentlich will ich gar nicht sterben. Aber das Leben erscheint mir manchmal so kompliziert, 
dass ich denke, es wäre einfacher, mich dem Tod zu überlassen, anstatt weiter zu kämpfen.
So auch jetzt hier.
Ich höre seine schlurfenden Schritte im Flur. Eine Kette rasselt. Ich habe es vermasselt 
und der Geschichte eine andere Richtung gegeben. Sie zielt nicht mehr auf Abschied und Tod 
und ein nahendes Ende. Nein, sie zielt ab auf ein Weiter so! Mach es gut! - und - Du schaffst es!
Ich springe auf und haue ihm den Holzklotz, den ich in einer Ecke des Bunkers gefunden habe, 
gegen den Schädel. Er blutet und fällt um. Seine Ketten klirren. Ich nehme die Ketten und rolle 
ihn darin ein, zurre sie fest, verpacke dieses fette Schwein wie ein Rinderroulade. Dann lache 
ich und pisse auf ihn. Er muss mir büßen, was alle mir angetan haben.
Dann furze ich noch kurz und mach mich auf den Weg. 
Irgendwie muss ich ja hier wieder raus kommen. Die Türe fällt hinter mir laut ins Schloss. 
Ich stecke den Schlüssel in das Schlüsselloch und drehe ihn herum. So. Das hat er jetzt davon. 
Wer andern eine Grube gäbt fällt selbst hinein. Der Schlüssel hängt an einem großen Ring aus 
Metall, an dem noch viele andere Schlüssel hängen. Also muss es auch viele Türen geben.
Hoffentlich verlaufe ich mich nicht.
Das wäre mal wieder typisch für mich.
Die Schlüssel für die Freiheit in der Hand, aber zu blöd, um den Weg hinaus zu finden.
Ich steige die Treppen hinauf. Wendeltreppen. Immer im Kreis aufwärts aufwärts. Mir wird ganz 
schwindlig. Ich beginne zu rennen. Immer im Kreis. Immer im Kreis. Fledermäuse flattern auf 
und bringen meine Frisur durcheinander. Den letzten Friseurtermin habe ich verpasst. Aber 
auch das ist gelogen, denn ich gehe schon jahrelang nicht mehr zum Friseur sondern schneide 
mir die Haare selber mit einer Nagelschere, die ich im Müll gefunden habe. 
So fing überhaupt alles an:
Ich lief auf dem schmalen Weg durch den Vorgarten an den süß duftenden Rosen vorbei, um den 
Abfall in den Mülleimer zu werfen. Als ich den quietschenden Deckel des Eimers anhob, entdeckte 
ich in einer Ecke meine Nagelschere. Er muss sie mir entwendet und in den Müll geworfen haben. 
Ich stellte die Plastiktüte mit dem Müll neben den Eimer und streckte meine Hand nach der 
Nagelschere aus. Dazu musste ich meinen Arm ganz lang machen und mich tief in den Mülleimer 
hineinbeugen. So tief, dass ich das Gleichgewicht verlor und in den Eimer hineinplumpste. 
Der Deckel klappte über mir zu und ich saß im Dunklen, hatte aber meine geliebte Nagelschere 
wieder in der Hand.
Trotzdem saß ich in der Falle. Ich spürte, wie der Eimer gekippt wurde und jemand mich schnell 
durch die Gegend rollte. Was heißt jemand. Er natürlich. Diese Ausgeburt der Hölle, mit der ich 
seit 60 Jahren verheiratet bin. Er lässt keine Gelegenheit aus, mich zu demütigen und ich muss 
ständig auf der Hut sein. Mit seinen galoppierenden Schritten rollte er den Mülleimer die Straße 
entlang, wohl wissend, wer sich darin befand. Galoppierend und kichernd rollt er mich die Straße 
hinab und in seine Festung hinein, in der all seine Geheimnisse vergraben sind. 
Und ich kenne einige davon, großer Gott!
Er hat mich schon oft in seiner Burg eingesperrt. Sechzig Jahre sind eine verdammt lange Zeit und 
es gibt viele Gelegenheiten, sich aneinander zu rächen und übereinander herzufallen. Am meisten 
hasse ich die Stille in seiner Burg. Es ist eine knisternde Stille wie unter einem Hochspannungsmast 
unter dem man vor einem Gewitter Zuflucht gesucht hat. Die Haare stehen einem zu Berge und man denkt, 
dass an dem Ort, an dem man Sicherheit und Frieden gesucht hat, nichts als lauter Hass zu finden ist.
Dabei waren wir mal ein Liebespaar. Wir sind beide jung und hübsch gewesen. Wir rochen gut und die 
enge Kleidung, die wir in kleinen Modegeschäften kauften, stand uns ausgezeichnet und machte uns sexy. 
Die Leute starrten uns auf den Hintern, wenn wir an ihnen vorbeigingen. Natürlich genossen wir das. 
Wir waren jung und dachten, das würde ewig so weitergehen. Ich hatte ein Tattoo auf meinem Busen und 
jeder Mann und manche Frau hätte gern ihre Nase unter meine Achsel geschoben.
Nun ist das alles vorbei und in der Stille unserer alten Tage verfolgen wir uns gegenseitig und 
missgönnen dem anderen jeden Funken Freude.
Am oberen Ende der Wendeltreppe befindet sich ein Fenster. Dort sitze ich gerne und lasse mein kurzes 
Haar herunterfallen wie Rapunzel. Ich werfe die mit der Nagelschere geschnittenen Strähnen in die 
untergehende Sonne und schaue traurig ihrem versickernden roten Licht hinterher. Die Abendstille 
brandet an mein Herz und lässt es zu Eis gefrieren. Ich höre seine klirrenden Ketten. Der alte 
Rollmops hat sich befreit und humpelt nun die Treppen zu mir herauf. Jeden Abend dasselbe Ritual. 
Wir spielen ein Spiel. Wie die Kinder lieben wir es, immer das gleiche zu tun, spüren genussvoll, 
wie immer die gleichen Furchen in unser Nervensystem gebahnt werden. Nervenbahnen, die jeden Tag 
dicker werden.
„Komm her, mein Dicker!“ sage ich zu ihm.
„Komm her, mein graues Strähnchen!“ sagt er zu mir.
Wir halten uns aneinander fest und schauen in die Dunkelheit hinaus, die unsere Festung nun umhüllt. 
Alt werden kann grausam sein. 
Aber wir versüßen uns unsere Tage mit Hetzjagden, die uns helfen, die Stille zu vertreiben. 
Dabei liegt in der Stille verborgen das große Geheimnis, vor dem wir uns so sehr fürchten und das 
früher oder später doch unaufhaltsam vor uns stehen wird. 
Ich mag es nicht Tod nennen. 
Es ist die Konfrontation mit der letzten Wahrheit. 
Plötzlich sieht man alles so, wie es wirklich war und so, wie es wirklich ist. 
Dann kommt das große Erschrecken vor dem fast alle erblassen:
dass man sieht, wie die anderen alle sich gefühlt haben durch das, was man getan hat, 
ohne zu bemerken, wie es ihnen dabei ergangen ist.
Immer zu schnell an allem vorbei.
Stets nur oberflächlich den Zielen hinterher, die man sich gesetzt hat.
Wenn man dann zurückschaut, von hier oben den im Wind wehenden Strähnen hinterher blickt, 
erkennt man erst, wie viel man versäumt hat an Nähe und Glück 
und Gemeinschaft mit anderen Menschen.
Die Stille ist ein grausamer Lehrer.
*
"Oh welch verworren Netz wir weben, wenn wir nach Trug und Täuschung streben." (Sir Walter Scott) 
*

Die 13. Person

„Warum hat deine Mutter meine Schwester nicht eingeladen?“
Ich hörte durch die Wand, wie meine Eltern miteinander stritten.
„Weil sie dann die 13. wär‘!“
„Kannst du nicht der 13. sein oder ich? Warum meine Schwester?“
„Deine Schwester hat keinen Mann!“
Als Lauscher hinter der Wand dachte ich, dass ich noch nie gerne
auf Familienfeiern gegangen bin. Immer langweilte ich mich.
Ich schrieb einen Brief an meine Tante.
„Liebe Tante Selma, Großmutter hat für Samstag, den 25. Juni, ein
Fest geplant, mit dem sie ihre Heilung feiern möchte. Du weißt ja,
wie schrecklich abergläubisch sie ist.
Sie fürchtet sie sich davor, eine 13. Person einzuladen. Eigentlich
solltest du das sein. Aber ich werde nicht da sein und möchte dich
bitten, an meiner Stelle die 12. Person zu sein.“
Am Tag des Festes erschrak Großmutter, als Tante Selma auftauchte. Mein
Vater wunderte sich, hatte aber Angst, etwas zu sagen. Ich beobachtete ihre verlegenen Mienen von meinem Versteck aus, das sich über der Scheune befand.
Meine Mutter hatte den Tisch gedeckt: 12 Teller, 12 Tassen, 12 Gläser, von allem, was man brauchte, 12 Exemplare.
Als sich alle gesetzt hatten und auf das Ereignis anstießen, hatte ich meinen Auftritt.
Die Musikanlage, die ich vorbereitet hatte, begann den „Bolero“ von
Ravel zu spielen.
Die Schlange, die ich mit Plastik und aus Papier gebaut hatte, bestand am
vorderen Ende aus einem kugelförmigen Kopf, auf den ich eine 13 gemalt
hatte. Ich stand in diesem Kopf und konnte von hier die 12 anderen kugeligen Segmente mit einer Konstruktion aus Drähten und Seilen bewegen.
Im Rhythmus der Musik tanzte ich auf die Festgesellschaft zu und wieder zurück, wie ein Tier, das versucht, durch Drohgebärden vermeintliche Angreifer zu verschrecken. Meine Schwester lachte. Sie hatte als erste verstanden, dass ich hinter der Maskerade steckte.
Ich drehte mich einmal um mich selbst und zog so mit dem am weitesten außen befestigten Segment einen Kreis um mich herum. Dann ließ ich es mit
einem lauten „KAWUMM!“ zerplatzen. Das elfte Segment verzischte in einem
kühl wirkenden blauen Licht und gab den Platz frei für die zehnte Kugel, die ich wie den Stachel eines Skorpions nach oben hievte und in einem gelb drehenden Lichtrad auflöste. Segment Nummer neun war ein Ballon, den ich mit Seifenblasen gefüllt hatte, die nun mit Geblubber und Geschlabber den Luftraum füllten.
Großmutter war begeistert und Tante Selma lachte laut. Meine Schwester klatschte in die Hände. Ich fühlte mich wie ein Genie.
Unter Knattern, Rattern und Schnattern knallten die Segmemte acht, sieben
und sechs erst gegen- und dann auseinander. Buntes Pulver in roten, gelben und grünen Farben rieselte durch die Luft. Leider stand der Wind ungünstig und die Farbpigmente legten sich auf das Tischtuch und die Gäste, die nun begannen, an sich herumzuwischen und zu -klopfen.
So bemerkten sie kaum das Heulen und Sausen, mit dem die Kugeln Nummer fünf und vier wie sich jagende Haustiere umeinander herumflitzten und in einem kurzen Blitz verschwanden, als sie sich berührten.
Das dritte Segment öffnete sich wie eine Walnuss und gab Luftballons frei, die in Spiralen nach oben getrieben wurden, wo einige im Birnbaum hängen blieben.
Nummer eins und zwei zerflossen ganz unspektakulär wie kleine Bäche im Boden des Gartens.
Am Schluß aber ließ ich auch den Kopf der Schlange mit der aufgemalten 13 in einem hell auflodernden Flackerfeuer verschwinden und stand vor der Familie wie ein Zauberer im Zirkus. Alle applaudierten.
Es war das erste Fest, auf dem ich mich nicht gelangweilt habe und legte den Grundstein für meine spätere Berufswahl:
Familientherapeut!

Regal der Träume

Meine Hände streichen an dem alten Regal entlang. Es riecht
nach Holz und hat Wurmlöcher, lauter kleine Tunnel, die in
das Regal hineinführen. Vielleicht gibt es am Ende jedes
Tunnels ein kleines Zimmer, in dem der Holzwurm wohnt, der
diesen Tunnel gebohrt hat.
Das Regal war einmal voller Erinnerungen. Doch die Erinnerungen
sind alle verschwunden. Haben die Holzwürmer sie mit in ihre
Stuben genommen?
Oder spielt mein Gedächtnis mir nur einen Streich?
Die verlorenen Erinnerungen machen mich traurig. Ich habe
einen Kloß im Hals und weine meine Tränen in eine leere Dose.
Die mit Tränen gefüllte Dose stelle ich in das Regal.
Dann schlafe ich tief und fest.
Ich wälze mich im Bett hin und her und träume viele bunte Träume.
Am nächsten Morgen, als ich die Dose öffne, finde ich darin ein
Meer von Diamanten.
Alle sind grün.
In ihnen sind alle Träume gespeichert, die ich jemals geträumt habe.