Abschied von Tante Otti

Meine Tante ist vor einiger Zeit gestorben. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie in dem Kühlraum der Friedhofskapelle aufgebahrt lag. Ganz ernst sah sie aus und ganz friedlich, wie in tiefe Meditation versunken. Sie strahlte eine starke Präsenz aus und wirkte auf eine ganz intensive Weise mit der Erde verbunden. Als ich dort vor ihrem Leichnam stand, wurde mein Herz berührt und ich spürte einen tiefen Schmerz, aber auch eine große Verbundenheit mit meiner Tante.
Diese tiefe Ruhe, die von ihr ausging, begleitet mich und ist ein Gefühl, dessen ich oft gewahr werde. Ich stehe dann oder liege drei Meter tief in der Erde. Nichts kann mich umhauen, denn ich weiß, dass dort unser aller Weg enden wird. Die Präsenz des Todes vor Augen, gewinnt das Leben an Intensität und viele Probleme verlieren plötzlich ihre Größe, weil die Perspektive, aus der ich sie betrachte, sich verändert.
Meine Tante hat immer gesagt, dass sie keine Angst vor dem Tod hat – und so lag sie auch da, furchtlos, ruhig und wie umgeben von einem kraftvollen Energiefeld.
Ich wandere durch die Straßen dieser Stadt Düsseldorf, die seit 20 Jahren meine Wahlheimat ist, und denke : Wenn ich nicht lerne, jeden meiner Schritte zu genießen, dann habe ich vergeblich gelebt. Wenn ich nicht lerne, mein Herz für diese wunderbare Welt zu öffnen, die mich umgibt, dann habe ich kostbare Zeit vertan. Wenn ich nicht lerne, mich selbst zu lieben, dann werde ich nicht im Frieden aus dieser Welt gehen können.
Ich bin einen langen Weg gegangen. Wenn ich mich umschaue, blicke ich auf diesen Weg zurück, der mich aus der Dunkelheit herausgeführt hat in das Licht hinein. Um mich herum ist es im Laufe dieser vielen Lebensjahre lichter geworden. Irgendwann habe ich begonnen, mich nach dem Licht zu sehnen und habe angefangen danach zu suchen. Manchmal konnte ich es finden. Aber ich habe es dann wieder verloren. Ich fand heraus, dass ich das Licht in mir selber finden musste, es nähren und pflegen musste, damit es in mir leuchtet.
Jetzt bin ich dabei, ein Leuchtturm zu werden.

„Exoriatur lumen quod gestavi in alvo“
„Let the light that I have carried in my womb shine forth“
„Das Licht, das ich in meinem Leib getragen habe, möge aufgehen.“

(„Ich hoffe, Sie schaffen das mit dem Leuchtturm!“)

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Posted in Gedanken.