Vom Pferd erzählen, Teil 4

Dorano hatte sowieso keinen Plan.
Deshalb trottete er Matthi hinterher, immer an dem winzigen Bächlein entlang,
das umso schmaler wurde, je weiter es bergauf ging.
Weiter unten war der Bach breiter gewesen, weil er von anderen, kleineren
Bächen gespeist worden war.
"Gut, dass ich so viel arbeiten musste." dachte Dorano.
"Sonst wären meine Muskeln nicht stark genug, um diesen Weg hier zu schaffen."
Es ging weiter durch bewaldetes Gelände, aber auch über Felsen und zwischen 
stachligen Sträuchern hindurch.
Schließlich erreichten sie die Stelle, an der das Wasser sprudelnd
aus dem Felsen heraussprang. Es schmeckte köstlich erfrischend.
Allein dafür hatte sich der ganze Weg gelohnt.
Sie schauten von dem Berg, den sie erklommen hatten, hinunter in das
Tal. Vom Bauernhof war nichts mehr zu sehen.
"Und?" fragte Matthi. "Bist du nun zufrieden, da du deine Freiheit gewonnen hast?"
"Vorher war alles mühselig, aber auch einfacher." antwortete Dorano.
"Ich musste nie überlegen, was ich machen will...."
"Ich habe von einem Platz gehört, an dem man herausfinden kann, was man wirklich will."
behauptete Matthi.
"Und du weißt, wo das ist?"
"Nun ja, nicht so ganz genau. Aber, wer nicht wagt, der nicht gewinnt."
Dorano blinzelte mit den Augen und spitzte die Ohren.
"Hörst du das?" fragte er Matthi.
Das leise Wimmern eines Tieres war zu hören.
Sie stiegen weiter den Berg hinauf, um die Ursache des Gejammers zu finden.
Hinter der nächsten Wegbiegung  entdeckten sie eine Kuh, die mit ihren Hufen zwischen 
Felsbrocken feststeckte.
"Muuuh!" Die Kuh hatte die Augen weit aufgerissen und schlug aufgeregt mit dem Schwanz.
Dann rief sie: "Macht sssnell! Macht sssnell"
Offenbar erwartete sie, dass Matthi und Dorano ihr helfen würden.
Matthi tastete sich an die Kuh heran, vorsichtig, um nicht auch noch von den Felsen
überollt zu werden.
Dann begann er, die Gesteinsbrocken sanft zur Seite zu schieben, von wo sie weiter 
abwärts rollten. Dorano kletterte behutsam auf die anderen Seite und begann nun 
auch von dort, die Kuh aus ihrer misslichen Lage zu befreien.
"Macht sssnell!" flüsterte die Kuh.
"Macht sssnell, sssonsss kommen ssssiii!"
Dorano blickte sich um, aber er konnte niemanden sehen.
"Gut, dass ich so viel arbeiten musste!" dachte er.
"Sonst wären meine Muskeln nicht stark genug, um der Kuh zu helfen."
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Posted in Kurzgeschichten.