Traumtiger 001

T R A U M T I G E R 
("Seid vorsichtig in der Wahl eurer Hypnotiseure!")

Es war verboten, sich mit Träumen zu beschäftigen. 
Die Kontrolle über unsere Phantasien sollte 
anderen vorbehalten bleiben.
Darum wollte Ben es keinem erzählen. 
Aber er konnte es nicht für sich behalten, 
weil sein Herz zu rasen begann, wenn er daran dachte. 
Tom erschien ihm vertrauenswürdig. 
Also sprach er mit ihm darüber. 
"Du musst dich nicht fürchten!" hatte Tom gesagt. 
Das machte die Sache etwas leichter. 
"Es sind Raubkatzen!" sagte Ben. 
"Sie kommen nachts in meinen Träumen!" 
Ben hatte Angst, wenn er im Traum auf der Mauer stand. 
Die Katzen lagen im Wüstensand und sahen ihn an. 
Tom hätte natürlich keine Angst gehabt. 
"Du musst ihnen zeigen, was sie tun sollen!" hatte Tom vorgeschlagen. 
"Du bist ihr Anführer und sie warten auf deine Befehle!" 
Das war typisch für Tom. Er war es gewohnt, 
dass andere taten, was er wollte. 
Aber Ben gab niemals Befehle. 
Wenn er etwas wollte, dann bat er darum.
Außerdem war es verboten, Träume zu manipulieren. 
"Was ist hinter dir?" fragte Tom. 
"Ich weiß es nicht. Ich habe die Katzen nie 
aus den Augen gelassen." antwortete Ben. 
"Du musst dich umschauen!" sagte Tom. 
"Wenn du nicht weißt, wo du bist, 
weißt du nicht, was du tun musst!" 
In der Nacht darauf entdeckte Ben, dass die Mauer, 
auf der er stand, zu einem Tempel gehörte. 
Jedenfalls glaubte er, dass das große Gebäude aus 
massiven Steinen, das sich hinter seinem Rücken 
befunden hatte, ein Tempel war. 
Es war das erste Mal, dass er die Katzen aus den 
Augen ließ. Sie standen plötzlich neben ihm und 
schauten in die gleiche Richtung wie er.
Die Mauer, auf der er stand, war Teil einer Treppe,
die zum Tempel führte. Am oberen Ende befand sich der
Eingang mit Steinmauern, die senkrecht aufragten.
Die Steine wölbten sich nach oben und bildeten einen 
Tunnel, der in den Tempel hineinführte.
Die Katzen sahen Ben in die Augen. Er zögerte einen Moment,
dann stieg er die Stufen nach oben.
Die Katzen folgten ihm.
Er merkte erst jetzt, dass er keine Angst mehr hatte.
*
Die Hochschule der Hypnotiseure widmete sich der 
Manipulation des menschlichen Bewusstseins. 
Man war stolz darauf, Menschen dazu zu bringen, etwas zu 
tun, was sie gar nicht tun wollten, ohne dass sie es jemals 
bemerkten.
Die Professoren der Hochschule entwickelten ihre Techniken
der Beeinflussung mit ihren Studenten, die einwilligen mussten,
dass man sie zu Beginn des Studiums einem Test unterzog.
Der Test bestand aus einem offiziellen Teil, durch den die
Beeinflussbarkeit der Studenten überprüft wurde. 
Das Ergebnis wurde den Probanden mitgeteilt. 
Es gab aber auch einen inoffiziellen und geheimen Teil, 
durch den eine Hintertür in das Bewusstsein der Teilnehmer 
gewebt wurde, durch die die Professoren sich jederzeit Zugang 
zu dem verschaffen konnten, was die Studenten dachten und fühlten.
*
Als Ben erwachte, konnte er sich nicht mehr an das erinnern, was er
im Tempel gesehen hatte. Er wusste noch, dass die Katzen ihm gefolgt
waren, als er die Treppen zum Tempel hinaufgestiegen war. Aus dem 
Tunnel, der in den Tempel hineinführte, wehte ein leichter Wind.
In der Luft lagen harmonische Klänge, die von Windspielen herrühren
mussten. Angelockt von den Tönen, wollte er den Tempel betreten,
aber da hörte er eine Stimme, die es ihm verbot. Er wollte sich über 
die Stimme hinwegsetzen, aber es war ihm nicht möglich, weiter zu 
gehen und dann verschwamm alles in seiner Erinnerung.
Ben beschloß, Tom um Rat zu fragen. 
Tom war Student an der Hochschule der Hypnotiseure.
"Kannst du mir helfen, Tom?"
"Wo bist du denn?"
"Im 'Silent Room' vom Cafe Mesmer."
Die 'Silent Rooms' waren eine Erfindung der Studenten, die hinter
das Geheimnis der Professoren gekommen waren. Es waren Räume, in 
denen keine Computer erlaubt waren und nicht einmal Smartphones
oder Handys gestattet wurden. Die Räume waren sogar gegen WLAN-
Strahlung abgeschottet und erlaubten es, die eigenen Gedanken und
Gefühle zu erforschen, ohne manipuliert zu werden.
Es gab nur einen Haken dabei.
"Ich kann die Sperre in meinem Geist nicht überwinden." sagte Ben.
"Du musst analysieren, wie die Sperre aufgebaut ist!" sagte Tom.
"Dein Unterbewusstsein hat sie aufgebaut, um dich zu schützen!"
"Ich glaube das nicht!" erwiderte Ben. "Ich glaube, dass sie jemand
errichtet hat, um mir Wissen über meinen Geist vorzuenthalten."
"So wie Gott, der verboten hat, vom Baum der Erkenntnis zu essen?"
"Ja, so ungefähr. Ich muss wissen, was in diesem Tempel ist!"
"Ist es denn nicht nur ein Traum?" Tom lächelte.
"Ja, aber ich habe ihn erschaffen und ich will wissen, warum!"
*
Fortsetzung: Traumtiger 2